rw bauphysik ingenieurgesellschaft mbh & Co. KG | beratende ingenieure
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Schallimmissionsschutz in Städten: Vom Dezibel-Grenzwert zur gestalteten Klangumgebung

Ein aktueller Beitrag der Süddeutschen Zeitung greift ein Thema auf, das in der bauphysikalischen Fachwelt seit Jahren diskutiert wird, in der öffentlichen Wahrnehmung jedoch meist auf „Lärm“ reduziert bleibt: die akustische Qualität von Städten. 

Der Blick auf neue Forschungsansätze zeigt, dass sich der urbane Schallimmissionsschutz zunehmend von einer rein normativen Betrachtung hin zu einer erweiterten, qualitätsorientierten Planungsaufgabe entwickelt.

Für Bauphysiker, Architekten und die Baubranche ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Denn klassische Instrumente des Schallimmissionsschutzes – Grenzwerte, Beurteilungspegel, Prognosemodelle und Nachweise – bleiben unverzichtbar, reichen im dichten urbanen Kontext jedoch häufig nicht aus, um Aufenthaltsqualität und Akzeptanz sicherzustellen.

Vom Pegel zur Wirkung

Der Schallimmissionsschutz ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Stadt- und Gebäudeplanung. Dennoch zählt Verkehrslärm weiterhin zu den größten Umweltbelastungen in Städten, mit gut dokumentierten gesundheitlichen Folgen. Bauphysikalische Bewertungen orientieren sich dabei primär an äquivalenten Dauerschallpegeln und rechtlich definierten Immissionsgrenzwerten.

Zunehmend wird jedoch deutlich, dass diese Kenngrößen nur eingeschränkt Aussagen über die tatsächliche Wirkung von Geräuschen auf den Menschen zulassen. Zwei Orte mit einer vergleichbaren mittleren Pegelbelastung können subjektiv sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Frequenzverteilung, zeitliche Struktur, Variabilität und Überlagerung verschiedener Schallquellen spielen für die Wahrnehmung eine zentrale Rolle – Aspekte, die in klassischen Prognosen nur begrenzt abgebildet werden.

Soundscapes als Ergänzung der immissionsgerechten Raumplanung

Hier setzen Soundscape-Ansätze an, die in der Forschung zunehmend etabliert sind. Sie betrachten nicht einzelne Emittenten isoliert, sondern die akustische Gesamtwirkung eines Stadtraums. Für den Immissionsschutz bedeutet dies keine Abkehr von bewährten Methoden, sondern eine sinnvolle Ergänzung: Pegelberechnungen und Grenzwerte bleiben die Grundlage, werden jedoch um qualitative Bewertungskriterien ergänzt.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei Naturklängen. Vogelstimmen, Wassergeräusche oder Blätterrauschen werden psychoakustisch überwiegend positiv bewertet und können dominante Verkehrsimmissionen teilweise maskieren. Für die Planung eröffnet sich damit ein zusätzlicher Handlungsspielraum jenseits reiner Pegelreduktion.

Stellschrauben des Immissionsschutzes im Stadtraum

Viele Maßnahmen mit akustischer Wirkung sind aus bauphysikalischer Sicht ohnehin bekannt, werden jedoch selten explizit unter dem Aspekt der Klangqualität betrachtet. Begrünte Fassaden und Dächer, strukturierte Freiräume, Baumgruppen oder Wasserflächen wirken schallabsorbierend, streuend oder maskierend. Gleichzeitig verbessern sie das Mikroklima und tragen zur Klimaanpassung bei – ein klarer Synergieeffekt.

Auch die Materialwahl im Außenraum beeinflusst die Schallausbreitung. Harte, reflektierende Oberflächen verstärken Nachhall und Pegel, während strukturierte oder poröse Materialien die akustische Wahrnehmung deutlich verändern können. Für die Bauphysik ergeben sich hier erweiterte Beratungsleistungen bereits in frühen Planungsphasen.

Gebäude als Teil des Schallschutzkonzepts

Auf Gebäudeebene bleibt der passive Schallschutz ein zentrales Element. Studien zeigen, dass Wohnungen mit mindestens einem ruhig orientierten Raum das Stressniveau der Bewohner signifikant senken. Grundrissorganisation, Orientierung lärmsensibler Räume, Abschirmungen sowie hofseitige Rückzugsbereiche sind daher wesentliche bauphysikalische Entwurfsparameter.

Die Hoffnung, technische Entwicklungen wie die Elektromobilität könnten den urbanen Lärm grundlegend reduzieren, relativiert sich aus akustischer Sicht. Ab etwa 30 km/h dominieren Roll- und Strömungsgeräusche, während im Niedriggeschwindigkeitsbereich zusätzliche Warnsignale erforderlich sind. Die bauphysikalische Planung bleibt somit ein entscheidender Faktor.

Fazit: Erweiterter Schallimmissionsschutz

Der Impuls aus aktueller Forschung und Berichterstattung zeigt: Schallimmissionsschutz muss weitergedacht werden. Rechtliche Grenzwerte und Prognosen bilden weiterhin das Fundament, sollten jedoch stärker durch qualitative und wirkungsbezogene Aspekte ergänzt werden.

Für die Bauphysik bedeutet dies eine Chance, ihre Rolle im Planungsprozess zu erweitern: vom reinen Nachweisführenden hin zum gestaltenden Berater für akustische Qualität. Städte und Quartiere, die bauphysikalisch fundiert geplant werden, sind nicht nur regelkonform – sondern auch hörbar lebenswerter.