rw bauphysik ingenieurgesellschaft mbh & Co. KG | beratende ingenieure
rw bauphysik ingenieurgesellschaft mbh & Co. KG | beratende ingenieure

Niedrige Temperaturen – große Wirkung

Lagerung einer Wärmepumpe auf Federn

Die Bauwelt steht vor einem epochalen Wandel: Steigende Anforderungen an Energieeffizienz, Ressourcenschutz und CO₂-Reduktion führen zu einer Renaissance innovativer, bio- und naturbasierter Baustoffe

Klassische Materialien wie EPS, Mineralwolle oder Zement stoßen an ökologische und energetische Grenzen – Zeit, neue Ideen konsequent in Planung und Baupraxis zu denken. Ein vielversprechender Ansatz sind biobasierte Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen. In Forschung und Entwicklung finden natürliche Materialien wie Holzfasern, Hanf, Seegras oder neuartige Kombinationen aus Zitronen- und Kokosnussschalen zusammen mit Holzresten Einsatz. Solche Verbundstoffe leisten nicht nur eine gute Wärmedämmung, sie sind auch diffusionsoffen, rückbaubar und reduzieren den Primärenergiebedarf über den gesamten Lebenszyklus.

Eine besonders spannende Entwicklung ist der Einsatz von Pilzmyzel – dem fadenförmigen Wurzelgeflecht von Pilzen – als Baustoffkomponente. Myzel kann organische Reststoffe wie Getreidespelzen, Sägespäne oder Pflanzenfasern durchwachsen und so zu festen, formstabilen Bio-Kompositen wachsen. Diese “Myzel-Baustoffe” lassen sich zu Dämmplatten, Paneelen oder sogar tragfähigen Bausteinen formen.

Das Potenzial ist beachtlich: Experimentelle Myzel-Komposite erreichen thermische Leitfähigkeiten im Bereich moderner Schäume und sind dabei vollständig biologisch abbaubar. Die Produktion beansprucht zudem deutlich weniger Energie, Wasser und verursacht geringere CO₂-Emissionen als konventionelle Dämmstoffe. Solche Materialien könnten perspektivisch auch in großmaßstäblichen Bauprojekten eine Rolle spielen – etwa als Innenwand- oder Fassadendämmung oder als innovative Systembausteine.

Ein Beispiel aus der Praxis: In New York wurde bereits ein 13 Meter hoher Turm ausschließlich aus Pilzmyzel-Bio-Bricks errichtet. Innerhalb weniger Monate wuchs und verrottete dieser ohne Rückstände – ein faszinierender Prototyp nachhaltiger Architektur.

Doch bevor Myzelbauten in den Regelbau kommen, gilt es, technische, normative und bauphysikalische Fragen zu klären: Wie verhalten sich solche Materialien dauerhaft hinsichtlich Feuchte, Diffusion, Brandverhalten und Tragfähigkeit? Welche Normen und Prüfverfahren müssen angepasst werden? Und wie lassen sich Produktionsprozesse industrialisieren ohne lokale Ökosysteme zu belasten?

Innovative Baustoffe bieten Architekten und Bauherren enormes Gestaltungs- und Optimierungspotential – nicht nur im Hinblick auf Klima- und Ressourcenschutz, sondern auch bezüglich Kosten- und Bauzeitoptimierung. Biobasierte Dämmstoffe reduzieren transportbedingte Emissionen durch lokale Produktion, reduzieren Abfall und vereinfachen den Rückbau am Lebensende eines Gebäudes. Sie eröffnen neue Perspektiven für Gebäudehüllen, die aktiv zur Energiebilanz und Materialkreisläufen beitragen.

Für Bauphysiker bedeutet das nicht nur neue Stoffgruppen, sondern auch neue Aufgaben: Die Integration in Wärme-, Feuchte- und Lebenszyklusanalysen, die Bewertung kombinierter Baustoffsysteme sowie die Entwicklung praxisgerechter Bemessungsansätze. Innovative Materialien sind kein Selbstzweck, sondern Werkzeuge, um nachhaltige, robuste und zukunftsfähige Gebäude zu realisieren. Die Zukunft des Bauens ist biologisch, funktional und nachhaltig.